Nach dem Stand von 2019 gibt es weltweit rund 272 Millionen Migranten. Viele ihrer Angehörigen, die nicht auswandern können, leiden unter Armut. Deswegen neigen viele Migranten dazu Geld für wesentliche Ausgaben nach Hause zu schicken, beispielsweise für Bildung und Gesundheitswesen. Die Angehörigen sind auf diese Geldsendungen, sogenannte Remissen, angewiesen. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 554 Milliarden Dollar in Entwicklungs- und Schwellenländer geschickt ein Rekordwert.

Das Geld, das ausländische Arbeitnehmer an Familien in ihrem Heimatland senden, ist längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. In armen Ländern wie Nepal, Haiti oder Kirgisien machen sie rund 33% des Bruttoinlandprodukts aus, das ist das dreifache, was arme Länder an Entwicklungshilfe bekommen. Auch in Afrika haben sich Geldtransfers als wichtige Finanzhilfe etabliert, größter afrikanischer Remissen-Empfänger ist Ägypten mit 6,4 Milliarden US-Dollar im Jahr. Doch jetzt hat die Weltbank vorausgesagt, dass die internationalen Überweisungen dieses Jahr enorm zurückgehen werden.

Denn aufgrund der Corona-Pandemie und den wirtschaftlichen Folgen kommt das ganze System heftig ins Schwanken. „Viele Haushalte auf der ganzen Welt, die von den Geldsendungen profitieren, werden wieder in Armut stürzen„, sagt Dilip Ratha, leitender Ökonom der Weltbank für Migration und Remissen. Die Corona-Krise könnte zu einem Rückgang des Geldflusses in Schwellen- und Entwicklungsländern um 20% (mehr als 100 Milliarden Euro) führen. In Afrika wird mit einem Rückgang um 23,1% gerechnet.

 

Das Stocken der Geldüberweisungen ist natürlich auf die Lage der Migranten zurückzuführen. Es gibt jetzt schon Millionen von Arbeitnehmern, die ihre Arbeit aufgrund der Pandemie vorübergehend verloren haben. Gerade in den Golfstaaten wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es eine hohe Rate von ausländischen Arbeitern, die keine Geldsendungen mehr entbehren können. Statistiken zufolge trifft Arbeitslosigkeit Migranten häufig zuerst und auch die Unterstützung der Wirtschaft kommt bisher für sie und ihre Familien viel zu kurz.

Genau das ist der Unterschied zu vergangenen Krisen. Früher gingen bei steigender Not in ärmeren Ländern – z.B. bei Wirtschaftsflauten, Epidemien oder Naturkatastrophen – höhere Remissenbeträge ein. Das Hauptproblem ist, dass Corona jedes Land betrifft. Nicht nur die Familien in der Heimat, sondern auch diejenigen, die emigriert sind, haben Geldsorgen. Das führt zu finanzieller Unsicherheit bei den Migranten und dem Rückgang von Geldsendungen weltweit.

Die Weltbanken suchen nach einer Lösung. So wird unter anderem diskutiert, ob eine Minderung der Überweisungskosten zur Beseitigung der Armut in bestimmten Ländern beitragen können. Weiterhin muss die Einkommenssituation der Migranten vor Ort gesichert werden, denn ohne festes Einkommen werden so schnell keine Gelder in die Heimat der Migranten transferiert werden können. Nach Schätzungen der Weltbank werden sich die Überweisungen aber auch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen im Jahr 2021 erholen und wieder um 5,6 Prozent steigen – das ist ein Anfang, aber noch lange nicht genug. Wie sich die Krise weiterhin entwickelt und mit welchen Folgen zu rechnen ist, können selbst Experten nicht abschätzen.