1.Juli 2020: Die weltweit größte Freihandelszone AfCFTA (African Continental Free Trade Area) sollte nach längerer Planung in Kraft treten. 54 der 55 Mitglieder der Afrikanischen Union sind in das Abkommen involviert. Der freie Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen soll längerfristig zu einem einheitlichen Binnenmarkt und einer Zollunion führen. Teilweise herrscht die Befürchtung, dass durch die Zone die Konkurrenz der Länder untereinander geschürt wird und somit eine innere Destabilisierung erfolgen könnte. Trotzdessen stößt das Abkommen bisher auf vorwiegend positive Resonanz, da es den Kontinent dabei unterstützen soll seine Abhängigkeit von anderen Weltmächten und dem Export zu minimieren.

 

Corona überschattet die AfCFTA

Covid-19 hat die Freihandelszone jedoch vorerst zum Stillstand gebracht. Die Grenzen wurden geschlossen und vielen Volkswirtschaften Afrikas droht der Abschwung. Das für die Umsetzung der harmonisierten Handelsverfahren notwendige Personal ist durch die Reisebeschränkungen verhindert. Die Verhandlungen müssen nun größtenteils aus der Ferne geführt werden, was die Situation verkompliziert. Zudem wird das Zurückzahlen der erhaltenen Überbrückungskredite einige Mitgliedsstaaten viele Jahre kosten, ihre Beteiligungskapazitäten am Freihandel sind somit erheblich beeinflusst. Grundlegende AfCFTA-Kriterien wie Zinssätze, Inflationsraten, minimale Schuldenstände oder auch die Stabilität des Finanzsektors können unter Umständen nicht erfüllt werden.

Im Allgemeinen rechnen die Vereinten Nationen daher für 2020 statt mit 3,2 Prozent nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent (Daten für Afrika). Zudem warnt das UN-Entwicklungsprogramm (UNPD) davor, dass unter Umständen fast die Hälfte der Arbeitsplätze in Afrika verloren gehen könnte.

 

Auch der Außenhandel ist betroffen

Der außenafrikanische Handel leidet ebenfalls unter den Folgen der Pandemie. Die wichtigsten Exportpartner sind stark von der Krise betroffen. Rohstoffpreise, von denen nach wie vor einige afrikanische Länder abhängig sind, sind gesunken. Dies wirkt sich negativ auf das Devisenaufkommen, Staatseinnahmen und die Inlandsnachfrage aus. Die Produktionskapazitäten sind eingeschränkt, wodurch sowohl die Erwerbslosigkeit, als auch der Hunger in formellem und informellem Sektor steigen.

Die Welternährungsorganisation FAO wendete sich daher mit einem Appell an die Regierungen Afrikas: Die für den Personenverkehr geschlossenen Grenzen sollen unbedingt für Nahrungsmittel offen bleiben. Auch wenn durch die Virus-Maßnahmen viele Wertschöpfungsketten unterbrochen sind, ist es wichtig den regionalen Handel inklusive der landwirtschaftlichen Produktionen aufrecht zu erhalten. Dadurch sollen vor allem die ländliche und die arme Bevölkerung unterstützt werden.

 

Das Virus als Chance?

Generell müssen die Regierungen Afrikas viel in die Infrastruktur und in soziale Sicherungssysteme investieren. Dabei können sich aus der Notlage heraus aber auch Chancen ergeben: Aktuell ist der Kontinent von seinen externen Handelspartnern abgeschnitten. Der Fokus könnte somit mehr auf lokale Ressourcen, lokale Produktion und den innerafrikanischen Handel gelenkt werden.

Daher ist die Schaffung sogenannter „Green Lanes“ für die Durchleitung lebenswichtiger Güter von elementarer Bedeutung. Vor einigen Wochen wurde ein Heilmittel aus Madagaskar, COVID-Organics, als lebenswichtige, wesentliche Ware eingestuft. Diese schnelle Reaktion veranschaulicht das Potential der Freihandelszone in Bezug auf Ursprungsregeln. Im Allgemeinen ist es wichtig, dass die AfCFTA und die Regierungen lebenswichtige Güter identifizieren, fördern und in diese investieren. Dazu gehören auch lokal entwickelte Technologien wie die solarbetriebenen Waschbecken aus Ghana, preisgünstige Handdesinfektionsgeräte, oder auch das vom senegalischen Pasteur-Institut entwickelte Testkit.

Der digitale Handel besitzt ebenfalls eine maßgebende Bedeutung zu Zeiten der Pandemie. Eine direkte Zusammenarbeit der AfCFTA mit den Unternehmen kann zukünftig einiges erleichtern. Als Beispiel lässt sich hierbei Flutterwave“ anführen, eine Firma welche im Zuge der Coronamaßnahmen eine Online-Plattform für kleine und mittelständische afrikanische Unternehmen errichtet hat. Auch das in Planung stehende, digitale Panafrikanische Zahlungs- und Abwicklungssytem (PAPPS) kann in Zukunft im innerafrikanischen Handel das Bezahlen von Waren und Dienstleistungen vereinfachen.

 

Eine Grenzöffnung in Etappen

Mithilfe der Anpassungsfazilität der Afreximbank in Höhe von 1 Milliarde Dollar sollen die Länder die Verluste von Zolleinnahmen austarieren. Dabei ist es wichtig die unterschiedlichen Kapazitäten der Mitgliedsstaaten bei den Grenzöffnungen zu beachten. Ein universeller Start scheint zu aktuellem Stand schwer umsetzbar. Vielmehr muss auf eine Strategie der differenzierten wirtschaftlichen Integration gesetzt werden. Die Mitgliedsstaaten, welche aktuell bereits in der Lage sind das Abkommen zu erfüllen, sollen laut Experten die Freihandelszone vorerst anführen. Die Fazilität soll ihnen dabei als Unterstützung dienen. Nach und nach können sich die anderen Mitgliedsstaaten an den Fortschritten orientieren und sich dann in der Praxis anschließen.

 

Durch eine konzentrierte Verfolgung interner afrikanischer Lösungsansätze könnte der Kontinent seine Abhängigkeit von externen Partnern verringern und einen großen Schritt in Richtung Selbstversorgung gehen.