Die südafrikanische Sängerin, Songwriterin und Gitarristin Alice Phoebe Lou ist eine spannende Figur in der kommerzialisierten Musik-Industrie. In ihrem eigenen kleinen Wunderland erweckt sie die unwahrscheinlichsten Kombinationen zum Leben: Soul vermischt sich mit elektronischen Beats, Folk verirrt sich im psychedelischen Sound-Irrgarten, Kapstadt trifft auf Berlin.

Von den Straßen Berlins auf die Bühnen der Welt

Müsste man Alice Phoebe Lou in einem Wort beschreiben, würde die Wahl vermutlich auf den schönen Begriff ‚Freigeist‘ fallen. Das zeigt sich nicht nur in ihrem Lebensweg, der sie um die halbe Welt führte, bevor sie schließlich ihren Platz als Straßenmusikerin in der kunterbunten Kunst- und Musikszene Berlins fand. Auch ihre Performances, sei es in den Parks und auf den Straßen Berlins, oder auf mal kleineren und mal größeren Bühnen dieser Welt, sprechen für sich. Ihre einnehmende Ausstrahlung ist vielleicht das charakteristischste Merkmal dieser Künstlerin, das sich im Studio nur schwer einfangen lässt. Ihr erstes Live-Album Live at Funkhaus kommt diesem Ziel jedoch ziemlich nah.

Die Straßenmusik hat sie als Musikerin geprägt, nicht nur in ihrem unbeirrten Auftreten, sondern auch in der Interaktion mit dem Publikum. Nach und nach baute sie, erst überwiegend in Berlin und in ihrem Heimatland Südafrika, dann weltweit, eine stetig wachsende Fangemeinde auf. Ihr Song She war Teil des Soundtracks der preisgekrönten Dokumentation Bombshell: The Hedy Lamarr Story und wurde sogar auf der 90. Oscar „Original Song“ Shortlist genannt.

Auf der Suche nach dem eigenen Sound

Bereits in ihrem 2016 erschienenen Debüt-Album Orbit zeichnet sich ab, dass ihr Stil – genau wie sie selbst – nicht so einfach zu labeln ist. Sie fühlt sich eindeutig im Folk zuhause, verkriecht sich dabei jedoch nicht ins nur zu gut bekannte Singer-Songwriter Schneckenhaus, sondern fordert Genre-Grenzen – und damit sicherlich auch den ein oder anderen Zuhörer – heraus. Ruhiger Indie-Pop liebäugelt mal mit eleganten Jazz-Elementen, um sich im nächsten Moment doch Hals über Kopf in den leidenschaftlichen Soul zu verlieben. Lou ist auf der Suche nach ihrem Platz, sowohl in der Welt wie auch in der Musik. Und die Vertonung dieser Suche gelingt in ihrem Debütalbum Orbit verdammt gut.

Das im letzten Jahr erschienene Album Paper Castles ist ihre zweite LP. Auch diese Platte lässt nicht einfach in die Folk-Schublade packen, sondern besticht durch Ausbrüche in verschiedenste Richtungen, was auf ihrer Homepage treffend beschrieben wird:

„The South Africa-based artist’s second full length recording is a breathtaking song cycle of romance and struggle, solitude and adventure, told through a free-spirited blend of electronic soul and psychedelic folk that highlight her honeyed vocals whilst revealing a limitless approach to musicality and craft.“

Alice Phoebe Lou selbst sagt über Paper Castles, dass es ihr bisher authentischstes Album ist. Elektronische Elemente mischen Folk-Songs auf, Synthie-Pop trifft auf Soul und alles ist eingebettet in Lou’s unverwechselbare Stimme, die diese Genre-Verspieltheit irgendwie so außergewöhnlich wie selbstverständlich wirken lässt. Mit ihrer einprägsamen Stimme und den experimentellen Arrangements schafft Lou einen atmosphärischen, fast psychedelischen Sound, der so dreamy klingt als wäre er nicht von dieser Welt.

Kapstadt trifft auf Berlin

Alice Phoebe Lou wurde in Kapstadt geboren und wuchs in Kommetjie an der Westküste der Kap-Halbinsel auf. Direkt nach ihrem Schulabschluss verließ Alice Phoebe Lou ihre Heimat in Südafrika und zog nach Berlin. Ihre Eltern arbeiteten als Dokumentarfilmer, ein fun fact der an einzelne Clips des Musikvideos zu ihrem Song Berlin Blues erinnert. In diesem Video verarbeitet sie die Einsamkeit und Anonymität der Großstadt, die im krassen Gegensatz zu der idyllischen und naturnahen Umgebung ihrer Kindheit steht. Der Songtext selbst erzählt jedoch eine andere Geschichte. Sie singt von der Freiheit, dem Ideenreichtum, und der Offenheit, welche ihr das Leben in der Großstadt eröffnet:

„And there is a place where we one day will delve
Where there’s no more walking on eggshells
Where ideas are for free, oh it’s the place to be
A great mind’s no longer the minority“

Das zeigt auch, dass sie sich durchaus der vielen Probleme Südafrikas bewusst ist und ihre unbeschwerte Kindheit nicht als selbstverständlich ansieht. Für sie ist Kapstadt eine surreale Stadt, in der Lebensfreude und Schönheit Hand in Hand gehen mit sozialer Ungerechtigkeit, die die Überbleibsel der Apartheid sichtbar macht. Jedoch ist sie voller Hoffnung für die Zukunft ihres Heimatlands, vor allem wenn sie an die immer größer und inklusiver werdende Musikszene Kapstadts denkt. So wird zum Beispiel dance music aus den Townships immer populärer. Den Einfluss ihrer Heimat Südafrika auf ihre Musik beschreibt sie als das Element, das diese so eindrücklich macht: Der Sound, der aus solch einer schwierigen und spannungsgeladenen Umgebung entstehe, sei automatisch kraftvoll.

In ihrer Musik spiegelt sich ihr Motto, sich selbst treu zu bleiben. So ist Indie bei Alice Phoebe Lou wirklich noch Indie, also independent. Sie lehnt feste Plattenverträge und somit die Abhängigkeit von Major Labels ab und produziert ihre Musik in Eigenregie. Für sie ist das ein Weg, der Kommerzialisierung ihrer Musik zu entkommen und ihrem eigenen künstlerischem Anspruch vollkommen zu entsprechen. In ihrer Wahlheimat Berlin tritt sie übrigens auch heute noch auf der Straße auf: Klick hier und check’s aus!