Africa Rising“, so lautet der vielversprechende Titel des neuen Dokumentarfilms von Thorsten Ernst und Jean-Alexander Ntivyihabwa, der am Freitag, den 7. Juni um 21:45 auf ARTE ausgestrahlt wird.
Ein Film, der innerhalb aktueller Debatten um „Afrofuturismus“ und „New African Culture“ ziemlich genau den Nerv der Zeit trifft.

Aber zunächst einmal: Was soll das eigentlich heißen? “Africa Rising”? Und was ist bitte “Afrofuturismus”? Über den Hype und die Zukunft des Sonnenkontinents. Eine Betrachtung in zwei Teilen.

TEIL 1

Africa Rising

Sonnenaufgang - Bild von OpenClipchart-Vectors via Pixbay

Sonnenaufgang – Bild von OpenClipchart-Vectors via Pixbay

Afrika ist angesagt, vielleicht sogar angesagter denn je. Sei es in der Mode oder Kunst, immer mehr Bereiche scheinen sich am Stil bzw. an der Ästhetik afrikanischer Kultur zu begeistern. Aber nicht nur der Westen erfreut sich an der neu gewonnnen Popularität, auch Afrika selbst ist dabei ein neues Bild von sich zu entwerfen. Ein Bild im Sinne Afrikas.

Als ein Kontinent, dessen Geschichte lange Zeit von Begriffen wie Ausbeutung und Unterdrückung geprägt wurde, befindet sich Afrika heute, rund 40 Jahre nach dem Abzug der letzten britischen Kolonialmacht auf den Seychellen, auf dem Weg in ein neues Bewusstsein oder, wenn man so will, Selbstbewusstsein. Afrika soll  kein Ort mehr für Vereinnahmung oder Abgrenzung durch den Westen sein. Ganz im Gegenteil werden derzeit die Beziehungen zum Rest der Welt neu verhandelt. Erst kürzlich ging ein Bericht beim französischen Staatspräsidenten Macron ein. Inhalt: Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes. Afrikanische Kunst, die lange Zeit für die eigene Bevölkerung unzugänglich war, soll endlich zurück kehren. Der zweitgrößte Kontinent der Welt will wieder Eigner seiner Kultur sein. Mit dem Erhalt des Berichts, kündigte Macron bereits die Rückgabe von 26 Werken an den Staat Benin an. Vor allem in Hinblick auf das vorherrschende Bild Afrikas in der nördlichen Hemisphäre sorgt das für beachtliche Bewegung.

Rohstoffreichtum, geographische Vielfalt und eine unvergleichbare kulturelle Diversität, Aspekte, die einst für den Einzug westlicher Kolonialmächte sorgten, sind heute der Antrieb einer souveränen Generation Afrikas. Einer Generation des Aufbruchs, einer Generation mit einem neuen Blickwinkel auf die eigene Vergangenheit. Afrika hat seine Kraft, seine Attraktivität und nicht zuletzt die eigene Bedeutung für den Westen längst erkannt und nimmt selbstbewusst seinen Platz in der Welt ein.

Es ist richtig von Africa Rising zu sprechen, weil Afrika jetzt in der Wahrnehmung eben genau die Position einnimmt, die ihr eigentlich schon immer zusteht“ bekräftigt auch der Historiker Prof. Dr. Jürgen Zimmerer das Bild einer Afrika-Renaissance, welches auch Ernst und Ntivyihabwa in ihrer Dokumentation zeigen.

Mit dem Begriff „Africa Rising“ wird darüber diskutiert, dass Afrika durch weltweites Wachstum der nächste Ort des globalen Kapitalismus sein wird“, sagt beispielsweise Felwine Sarr und deutet damit an, dass ein Paradigmenwechsel in der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung Afrikas schon längst stattfindet.

Afrika ist im Aufschwung: wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell.

Auch oder gerade in der gegenwärtigen Popkultur, in Musik, Mode und Kunst ist die Ästhetik Afrikas längst im sogenannten Mainstream angekommen. Aktuelle afrikanische Künstler wie WIZKID und Die Antwoord, spiegeln dabei nicht nur den jugendlichen Zeitgeist wider, sondern setzten bewusst auf afrikanische Elemente innerhalb ihrer Musik. Aber auch Kollaborationen von afrikanischen Künstlern mit Künstlern der Diaspora sind lange keine Seltenheit mehr. Namen wie Maître Gims, der als Kongolese in Frankreich einen Erfolg nach dem anderen feiert und neben afroamerikanischen Rap Größen wie Lil Wayne auftritt, erzeugen einen Konsens, der afrikanische Identität nicht nur präsent macht, sondern in gewisser Weise neu erfindet und von herrschenden Klischees befreit.

Die Betonung der afrikanischen Kultur in der Kunst, hauptsächlich in der Musik, ist heute zwar populärer und erreicht vielleicht ein größeres Publikum, ist als Phänomen jedoch nicht gänzlich neu. Schon in den 60er Jahren beriefen sich Musiker wie James Brown oder Pharoah Sander auf ihre afrikanischen Wurzeln und machten sie zum wesentlichen Bestandteil ihrer Kunst.

Wir müssen unsere Identität, unsere Kultur und Kunst wieder komplett neu erschaffen. Sie liegt unter den Trümmern der Geschichte“ beschreibt beispielsweise der Choreograph Boyzie Cewana  (zit. nach aargauerzeitung).

Wenn von Auferstehung, von dem Rise Afrikas die Rede ist, dann geht es also um die Neufindung oder Wiederentdeckung der eigenen Kultur. Eine Beanspruchung der eigenen Geschichte, die lange Zeit von Personen wiedergegeben wurde, die weder geographisch noch kulturell Teil waren. Es geht um eine Zukunft, die selbstbestimmt, frei von westlichen Einflüssen, gestaltet werden kann.

Wo die Wurzeln der kulturellen Renaissance Afrikas liegen und was es mit dem Begriff “Afrofuturismus” auf sich hat, diesen  Fragen werden wir im zweiten Teil unserer Serie “Afrika Rising” nachgehen.

Stay tuned!