Afrika ist auf dem Weg nach vorne oder – wenn man so will – auf dem Weg in die Zukunft. Afrikanische Kunst, Musik, Mode, aber auch die internationale Wahrnehmung Afrikas befinden sich schon seit längerer Zeit im Aufschwung. Bereits letzte Woche haben wir uns im Rahmen der ARTE Dokumentation “Africa Rising” innerhalb unseres Artikels “Africa Rising (1)Das neue Selbstbild eines Kontinents” mit dieser Thematik beschäftigt.

Die gesamte Dokumentation “Afrika Rising” von Thomas Ernst und Jean-Alexander Ntivyihabwa gibt es  übrigens noch bis zum 30.06. 2019 in der ARTE Mediathek zu sehen. Wer also noch nicht reingeschaut hat: Schnell hier klicken!  

Geht es um die kulturelle Renaissance oder Zukunft des afrikanischen Kontinents, dann kommt man an einem Begriff nicht vorbei: “Afrofuturismus“.

TEIL 2

BLACK to the future

Als Begriff erstmalig eingeführt vom Kulturkritiker Mark Dery, meint „Afrofuturismus“ zunächst einmal eine, von Sciene-Fiction Elementen geprägte, zuweilen utopische Vorstellung einer afrikanischen oder auch schwarzen Zukunft. Fernab westlicher Einflüsse werden dabei futuristische Geschichten mit afrikanischer Kultur kombiniert und erzeugen ein fiktives Gesellschaftsbild, in dem sich die afrikanische resp. afrikanisch stämmige Bevölkerung frei von Unterdrückung und Rassismus entfalten kann.

Ausgehend von der Auffassung vieler afrikanischer Künstler, in der westlichen Welt fremd und nicht zugehörig zu sein, bezieht sich die afrofuturistische Ästhetik dabei meist auf ein Dasein als sogenannter “Alien“.

So beschreibt Ytasha Womak in Ihrem Buch: “Afro-Amerikaner [sind] wortwörtlich Nachfahren von einer Alien-Entführung […]. Sie leben in einem Sci-Fi-Albtraum, in der ein unsichtbares, aber undurchdringliches Kraftfeld aus Intoleranz ihre Bewegungen einschränkt”. Gerde im englischsprachigen Raum, in dem “Alien” gleichzeitig “Ausländer“, als auch “Außerirdischer” meinen kann, scheint diese Methaper über die Versklavung der afrikanischen Bevölkerung im 17. Jahrhundert besonders schlüssig.

Auch der Musiker Greg Tate weiß, dass die Tatsache “[..] in Amerika schwarz zu sein an sich schon eine Science-Fiction Erfahrung [ist] “.

Die eigenen Erfahrungen als Außenseiter in fiktive Geschichten und Vorstellung von der Zukunft einzubetten, ist somit Hauptmotiv afrofuturistischer Kunst und schon seit geraumer Zeit in der Popkultur zu finden.

Weltall - von cdd20 via Pixabay

Weltall – von cdd20 via Pixabay

Beginnend als eine Art Nischen Genre, waren es 1960/70 vor allem Namen wie Sun Ra oder Octavia E. Butler, die mit ihren Werken den Weg für heutige afrofuturische Künstler ebneten. Die Inhalte ihrer Werke bezogen sich dabei meist auf reale Probleme, gepaart mit clever durchdachten Sci-Fi-Elementen.  „Space is the Place“, so heißt beispielsweise der Film des Jazzmusikers Sun Ra (gebürtig Herman Poole Blount) und erzählt von der Erlösung der ausgegrenzten und augenutzten afroamerikanischen Gesellschaft in den USA durch einen außerirdischen Propheten und die Flucht ins Weltall. Auch Octavia E. Butler, die in Büchern wie “Patternmaster” Rassen- und Geschlechterfragen mit der Kreation neuer telepathiefähiger Menschenarten behandelt, zählt als eine der Mitbegründerinnen der Bewegung.

Heute, rund 60 Jahre später, erlebt die Ästhetik des „Afrofuturismus“ eines seiner bedeutendsten Comebacks.

Wo Dery aufgrund der Abwesenheit afrikanischer oder afroamerikanischer Sciene-Fiction im Mainstream Anfang der 90er Jahre noch die Frage stellte, ob „eine Gemeinschaft, dessen Vergangenheit bewusst ausgelöscht wurde und dessen Energien anschließend bei der Suche nach den eigenen Wurzeln stückweise aufgebraucht wurden, überhaupt die Kraft dazu aufbringen kann, sich eine eigene abstrakte Zukunft vorzustellen“, antwortet ein Blick auf die gegenwärtige Popkultur ziemlich deutlich: Ja, kann sie!

The Hype is real

Mit dem angesprochenen Rise des afrikanischen Bewusstseins oder besser gesagt Selbstbewusstseins, welches wir im ersten Teil unserer Serie angesprochen haben, ist nämlich auch die afrikanische Kunst, speziell afrikanische Science-Fiction, lange keine Seltenheit mehr. Gerade Filme wie Black Panther, der im letzten Jahr mehrere hundert Millionen Dollar einspielte und den afrikanischen Gegenentwurf zu bestehenden Superhelden Movies bildete, haben den „Afrofuturismus“ hierbei auf die großen Bühnen der Welt verfrachtet. So zeigt der Film ein verstecktes Afrika, dass unbeeinflusst vom Westen existiert, dessen Bodenschätze von der eigenen Bevölkerung genutzt werden und dessen Staatsoberhäupte die Interessen ihres Volkes vertreten. Alles verpackt in eine futuristische Umgebung mit fliegenden Raumschiffen; das Paradebeispiel für afrofuturistische Popkultur.
Aber auch ingesamt feiern immer mehr afrikanische oder afrikanisch stämmige Akteure, die mit ihrer Kunst afrofuturistische Elemente aufgreifen, weltweite Erfolge.

She who writes the movie owns the script and the sequel“ (Janelle Monae, Q.U.E.E.N)

Eine der derzeit offensichtlichsten Vertreterinnen afrofuturistischer Musik ist beispielsweise Janelle Monae, die sich mit Alben wie „The ArchAndroid“ oder „The Electric Girl“ bereits seit Beginn Ihrer Karriere gerne verschiedener Science-Fiction Ästhetiken bedient. Geschichten über androide Lebensformen in der fiktiven Stadt Metropolis, sowie Statements über die Zurücknahme der eigenen afrikanischen Wurzeln, sind dabei vordergründige Inhalte Ihrer Werke.

My crown too heavy like the Queen Nefertiti , Gimme back my pyramid, I’m trying to free Kansas City“ (Janelle Monae, Q.U.E.E.N)

Aber auch Künstler, wie Kendrick Lamar, der den Soundtrack zum Film Black Panther produziert hat oder Kamasi Washington, reihen sich in die Liste von berühmten Persönlichkeiten ein, die vermehrt versuchen mit ihrer Musik eine selbstbestimmte afrikanische Identität zu etablieren und damit eine souveräne Zukunftsidee von Afrika schaffen.

BLACK to reality

Jedoch und das ist vielleicht das Entscheidendste, ist Afrofuturismus nicht einfach nur Science-Fiction in „schwarz“ oder Musik mit „spacigem“ Sound. Afrofuturismus ist eine Idee, die beeinflusst, nicht zuletzt auch den wissenschaftlichen Diskurs.

Afrotopia“ heißt beispielsweise das Buch des senegalesischen Ökonomen und Professoren für Wirtschaftswissenschaft Felwine Sarr und nimmt den „Hype“ um Afrika zum Anlass, sich ganz konkret mit der Zukunft seines Kontinents auseinander zu setzten.

So thematisiert er beispielsweise, dass es bei der Kreation einer afrikanischen Zukunft weniger darum geht, das westliche Bild Afrikas zu „renovieren“ oder anzupassen, als vielmehr darum, ein komplett neues, eigenständiges Bild Afrikas aufzubauen. Dabei bringt er vordergründig, entgegen seiner wissenschaftlichen Orientierung, keine ökonomische oder politische Sichtweise an, sondern versucht die Kultur Afrikas als Mobilisator der Zukunft heran zu ziehen.

Weaver - von Oberholster Venita via Pixabay

Weaver – von Oberholster Venita via Pixabay

Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Ausstrahlungskraft Afrikas vollkommen intakt geblieben ist, […] dann ist es der Bereich der Kultur“ (Felwine Sarr, Afrotopia)

Es geht darum vorkoloniales Wissen, das zu Teilen, aber nicht komplett in Vergessenheit geraten ist, zu nutzen und in zukunftsorientierter Weise aufzubereiten.
So ist auch ein besonders entscheidender Unterschied zwischen westlicher Science-Fiction und Afrofuturismus, dass der Afrofuturismus traditionelle Aspekte nicht komplett oder zumindest nur geringfühig durch ein schimmerndes Robotikupdate ersetzt. Vielmehr werden kulturelle Elemente wie Stammeskleidung oder Architektur in die fiktiven Zukunftsvorstellungen eingebaut. Gemeinschaft, Naturverbundenheit, autarke Versorgungssysteme sind heute schließlich Ansätze eines vergangenen Wissensvorrats, der vielleicht die Lösung aktueller Probleme sein könnte.

Ich versuche zu sagen, dass die Zukunft offen ist und dass die Zukunft nicht von anderen vorgezeichnet wird. Das ist das wichtigste; In der Lage zu sein die eigne gesellschaftliche Herausforderung in völliger Autonomie und geistiger Unabhängigkeit zu überdenken“ (Felwine Sarr, Afrika Rising)

Afrofuturismus ist also nicht nur eine popkulturelle Bewegung, die imaginäre Gesellschaften kreiert. Afrofuturismus ist der Zeigefinger, der reale Missstände erkennt und durch Kunst, Musik und Film hervorhebt. Eine Bewegung, die zeigt, dass alles möglich/gestaltbar ist und nichts unveränderbar feststeht.

In anderen Worten: „Der Afrofuturismus […] sagt nicht: Ich würde auch gern am Tisch dieses liberalen Bürgertums sitzen. Er stellt diesen Tisch infrage“(Julian Warner, Kulturanthropologe).
Man könnte auch sagen: Er gestaltet den Tisch neu!