Warum bist du von Deutschland zurück nach Nigeria gezogen? Was hat dich zu dieser Entscheidung verleitet?

 

Im Alter von 10 Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Mutter zu meinem Vater nach Deutschland gezogen. Aufgewachsen bin ich in Solingen, ich habe in Deutschland Sozialwissenschaften und Sozialpolitik studiert und 2016, nach dem Studium, bin ich dann nach Nigeria gezogen.

Im Oktober 2015 war ich das erste Mal seit meiner Kindheit wieder in Nigeria. Als ich zwei Wochen später wieder nach Deutschland kam, habe ich beschlossen, mich für Jobs in Nigeria zu bewerben und für längere Zeit nach Nigeria zu gehen.

Mir war es wichtig, Nigeria als erwachsener Mensch kennenzulernen und daher habe ich die Chance nach dem Studium – eine Zeit, die für mich sowieso schon durch Umschwung und Veränderung geprägt war – ergriffen und bin zurückgezogen, um meine Herkunft neu kennenzulernen. Schon während des Studiums wusste ich, dass ich für einige Zeit nach Nigeria gehen möchte. Ich wollte und musste das für mich tun, um mich weiterzuentwickeln, um zu verstehen, wer ich bin, um meine komplette Identität zu finden.
Ich konnte mich zwar an vieles aus meiner Kindheit in Nigeria erinnern, aber um wirklich alles zu verstehen, musste ich noch einmal zurückkommen.

 

 

Welche einprägenden Erlebnisse formten dich in Nigeria?

 

Ich habe zunächst bei meiner Familie, bei meiner Tante, in Lagos gewohnt und mir dann vor Ort eine Wohnung gesucht. Es war eine Herausforderung für mich, da ich im Alter von 18 Jahren von meinen Eltern ausgezogen war und danach nie wieder zurückgezogen bin. Dann – mit 22 Jahren – wieder in einer Familie, meiner Familie zu leben, die ich selbst nicht einmal so gut kannte, war eine Umstellung. Ich war meine Freiheiten gewohnt, ich war gewohnt mein Leben allein zu planen. Für sechs Monate habe ich dann bei meiner Tante gewohnt, es hat ewig gedauert bis ich eine geeignete Wohnung gefunden habe.

Außerdem ist Nigeria nicht günstig. Man kann kaum durch den Alltag gehen und kein Geld ausgeben. Das Leben in Nigeria zu bezahlen ist daher weitaus umständlicher als in Deutschland. – In Deutschland hat man seinen vollen Kühlschrank, Monatskarten für die Bahn usw.

Daher habe ich mich schon selbst ins kalte Wasser geworfen, aber anders kann es auch nicht funktionieren. Man sollte auf jeden Fall Informationen sammeln, aber im Endeffekt wird man sowieso vor Ort erst nochmal von der Realität überrascht. Wichtig ist es hierbei, auf sich selbst am meisten zu hören.

 

 

Wie hast du Nigeria neu kennengelernt? Was nimmst du in Nigeria auf und mit?

 

Als kleines Mädchen habe ich sehr behütet in Nigeria gelebt. Dabei habe ich die Kultur und Politik wenig mitbekommen. Daher waren für mich die kulturellen Angebote, die ich in Lagos bzw. Nigeria entdeckt habe, sehr ansprechend. Als ich hier ankam, das war ein komplett anderes Erlebnis.  Das war für mich einfach ein ganz anderes Nigeria. Ich erlebte die Straßen bei Nacht, Konzerte, Festivals und andere Veranstaltungen, ich lernte das Nachtleben kennen, das mir in meiner Kindheit natürlich fremd blieb.

 

 

Wo fühlst du dich zu Hause? Fehlt dir Deutschland?

 

Deutschland werde ich nie hinter mir lassen können. Genauso wenig wie Nigeria. Das sind die zwei Länder, die mich geprägt haben. Ich werde Deutschland und Nigeria immer als meine Heimatorte ansehen. Und das kann man nicht von mir wegnehmen. Ich bin in Lagos geboren, in Deutschland aufgewachsen. Wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich Nigeria und umgekehrt. Das sehe ich häufig an Kleinigkeiten, die mir dann in einem gewissen Moment fehlen.
Ich reise aber immer mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland, das brauche ich auch, um wieder zu mir zu kommen. Dieses Jahr war ich zum Beispiel den kompletten August in Deutschland. Lagos kann für mich sehr anstrengend werden, in Deutschland bei meiner Familie und meinen Freunden kann ich mich beruhigen und auch meinen Alltagsstress und den Job hinter mir lassen – und das wird immer so sein.

 

 

Was bedeutet afrikanische und deutsche Kultur für Dich?

 

Auch wenn die deutsche Bürokratie manchmal sehr anstrengend ist, würde ich sagen, sie gibt auf jeden Fall eine gewisse Sicherheit. Sie funktioniert und erleichtert vieles, das ist mir wichtig. Afrika verbinde ich vor allem mit den Menschen, mit der Mentalität und ihrem lockeren Umgang.

Sonst ist für mich vor allem die Verbindung und der richtige Ausgleich beider Kulturen in meinem Alltag sehr wichtig. Die lockeren Menschen und die Sicherheit in Deutschland – das ist die perfekte Verbindung, mit der ich mich wohlfühlen kann.

Für mich ist es sehr wichtig, dass ich die beiden Kulturen verbinden kann und dass andere sich ebenfalls bewusst sind, dass man beide Kulturen verbinden und leben kann.

Ich bin in erster Linie wie jeder Nigerianer hier, man merkt es nicht – es fällt nicht auf. Viele außerhalb der Arbeit wussten gar nicht, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin. Andere wiederum sagen, es würde auffallen, dass ich nicht in Nigeria aufgewachsen bin. Auch wenn man mir das zuerst nicht ansieht, sobald man mit mir spricht, ist es klar, dass ich beide Kulturen in mir trage.

In Nigeria gibt es zahlreiche Menschen, die wieder zurückkommen, aber zwischendurch in anderen Ländern gelebt haben, in anderen Ländern aufgewachsen sind – wie ich – oder im Ausland studiert haben. Es ist mittlerweile fast gang und gäbe, dass man mal wo anders war und mehrere Kulturen in sich trägt.

 

 

Was rätst du anderen, die sich überlegen in ihr Herkunftsland zu ziehen?

 

Bevor ich nach Nigeria gezogen bin, hätte ich gerne ein paar realistischere Informationen gehabt. Ehrliche Erfahrungen darüber, wie es in Nigeria ist, wie es ist, wenn man wieder zurückkommt. Natürlich habe ich viel gelesen und recherchiert, aber vieles entsprach nicht den Tatsachen.

Dennoch kann ich alle Menschen nur ermutigen, den Schritt zu gehen. Jedoch sollte man sich ausführlich Gedanken darüber machen und sich mit der Entscheidung sicher sein. Man sollte sich absichern, auch finanziell und jobmäßig, man sollte einen Beruf im Land haben oder auch Partner, mit denen man arbeiten möchte.

Außerdem hilft es, ein Rückflugticket zu haben. Man sollte sich auf jeden Fall selbst die Möglichkeit lassen, wieder zurückzugehen.

Ein sozialer Rückhalt ist ebenfalls wichtig. Man weiß nie, was passiert und daher sollte man auf Freunde und Familie – in beiden Ländern – haben, die einen unterstützten können.

 

 

Hast du eigene Projekte, die die kulturelle Vielfalt zum Thema haben?

 

Ich habe ein Projekt mit dem Namen „Valid Thoughts“ angefangen, dabei arbeite ich an einer Serie von Podcasts.

Die Idee kam mir, da ich häufig Freunde zum Abendessen eingeladen habe. Beim Essen und danach haben sich unsere Gespräche über alles Mögliche in eine gewisse Richtung entwickelt. Häufig ging es darum, wie eine andere Kultur, wie eine andere Sprachen Menschen beeinflussen, wenn sie in einem anderen Land leben. Ich hatte immer die verschiedensten Leute zusammengebracht und somit auch die unterschiedlichsten Kulturen – Türkei, Kamerun, Nigeria, Deutschland…

Und so kam ich auf die Idee, die Gespräche aufzuzeichnen, Podcasts zu machen und die Gedanken der Menschen aufzunehmen, geltende Gedanken – valid thoughts. Gespräche mit Menschen, die aus ihren ursprünglichen Ländern weggezogen sind, in ein anderes Land und eine andere Sprache lernen mussten. Die Menschen können einfach darauf losquatschen, wir unterhalten uns, und ich kann dadurch meine Geschichte erzählen. Anfangs habe ich viel mit Freundinnen gesprochen. Man erfährt sehr viel Neues über die Menschen, auch über Menschen, die man schon länger kennt. Mit der Zeit habe ich das dann erweitert – beispielsweise habe ich mich mit einem Autor aus Kongo unterhalten – und das möchte ich auch weiterhin.
Die Gespräche sollen sich weiterhin mit der Auffassung von Heimat, mit dem Heimatgefühl der Menschen befassen, damit, wie Menschen sich fühlen, wenn sie wo anders hinziehen und leben oder auch mit Menschen, wie mich, die wieder zurückgezogen sind. Dabei interessiere ich mich hauptsächlich für die „normalen“, unauffälligen Menschen. Ich möchte die Geschichten von Menschen hören, die man sonst nicht hört… die Geschichten vom klassischen „Mädchen und Jungen von nebenan“. Ich glaube, jeder hat spannende Geschichten zu erzählenDie Geschichten unterscheiden sich immer wieder, doch häufig sind auch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Dies sieht man an vielen Kleinigkeiten während einem solchen menschennahen Austausch immer sehr direkt. Eine Freundin aus Deutschland, die ursprünglich aus Kamerun kommt, hat beispielsweise das Gefühl, dass sie eine ganz andere Person ist, wenn sie deutsch spricht. Und so ergeht es einigen.