Joël Agnigbo geht in seinem Buch „Stolpersteine auf dem Weg zur Freiheit“ der Frage nach inwiefern die Geschichte der Kolonialisierung der afrikanischen Länder mit der heutigen Migration in Verbindung steht. Joël Agnigbo hat in Deutschland studiert, zuvor war er in Ghana in Entwicklungsorganisationen tätig. Im Gespräch mit uns lässt er uns an seinen Erfahrungen und Gedanken teilhaben. Sein Buch ist im Free Pen Verlag erschienen und HIER erhältlich.

 


Herr Agnigbo, Sie sind in Togo geboren, in Sèmè, an der Grenze zwischen Benin und Nigeria aufgewachsen. Studiert haben Sie Literatur und Sprache an der Universität Lome sowie Kultur- und Politikgeschichte an der Universität Siegen. Sie arbeiten zurzeit im entwicklungspolitischen Bereich, was können Sie uns von ihrem Beruf erzählen?

 

Ich habe hier in Deutschland studiert. Davor hatte ich bereits in Togo in Entwicklungsorganisationen gearbeitet. Das ist in meinem Fall die Besonderheit, weil ich die Entwicklungszusammenarbeit in Afrika selbst erlebt habe. Ich habe gesehen, dass Entwicklungszusammenarbeit dann hilfreich ist, wenn sie mit den Menschen vor Ort in den Dörfern erfolgt. Schon in Togo hatte ich die Kritik geäußert, dass Entwicklungszusammenarbeit sehr häufig von einer Elite gemacht wird. Das ist das, was ich von meiner Arbeit in Togo gelernt habe. Man hat versucht mit den Menschen vor Ort, in den ländlichen Gebieten zu arbeiten. Nur so konnten gute Ergebnisse erreicht werden. Gleichzeitig merkte ich aber, dass die meisten Projekte von großen Organisationen wie etwa dem Deutschen Roten Kreuz in städtischen Gebieten mit einer kleinen Elite durchgeführt wurden. Das fand ich nicht gut.

 

Als ich dann nach Europa zum Studieren kam, hatte mich selbstverständlich das Thema der Entwicklungszusammenarbeit weiterhin beschäftigt. Ich wollte den Beziehungen zwischen Afrika und Europa selber auf den Grund gehen. Deshalb studierte ich Kultur- und Politikgeschichte. Im Studium lernte ich, dass Kulturen das Bindeglied zwischen Gesellschaften sind. Jede Gesellschaft hat eine bestimmte Art zu denken, zu fühlen und zu agieren. Das war für mich eine große Erkenntnis. Daraus schlussfolgerte ich, dass die komplette Destabilisierung der afrikanischen Kultur durch die Europäer während der Kolonialisierung enorme Folgen haben musste. Mein Wunsch war, dieses Thema in einer Dissertation zu vertiefen, aber aus Zeitmangel konnte ich das noch nicht machen. Dennoch setzte ich mich immer wieder in meinem Beruf mit dem Thema auseinander. Nämlich wie Kulturen zur Entwicklung beitragen können.

 

Und ich nehme an, das hat Sie dazu bewogen, ein Buch zu schreiben?

 

Genau, so ist es gewesen.

 

Bezogen auf die Thematik Ihres Buches: welcher Zusammenhang besteht zwischen Kolonisation und Migration?

 

Die Frage wird mich tatsächlich oft gestellt. Darauf antworte ich: Kolonisation, das ist Lampedusa. Kolonisation, das ist der Franc-CFA, die Währung, die in vierzehn afrikanischen Ländern immer noch verwendet wird[1]. Kolonisation, das ist auch der Fischfang der europäischen Schiffe. Als Beispiel nenne ich den 2018 zwischen der europäischen Union und dem westafrikanischen Staat Guinea Bissau unterschriebenen Vertrag, laut dem Europa dort nun offiziell Fischfang betreiben kann. So werden die besten Fische gefangen und den Rest der Bevölkerung überlassen. Das ist für mich Kolonialismus.

 

Was die Migration angeht, sollte man sich internationale Berichte anschauen – wie den Welthungerindex, Berichte der Vereinten Nationen – um festzustellen, dass der Wohlstand einer Bevölkerung heutzutage an dem Begriff „Happiness“ gemessen wird. Aber die Happinessquote von Menschen südlich der Sahara ist sehr gering, während die Armutsquote immer noch hoch bleibt. Und das führt meiner Meinung nach zur Migration. Migration kommt also von der Perspektivlosigkeit. Diese wird wiederum durch die meiner Meinung nach immer noch andauernde Kolonisation begünstigt. Die afrikanischen Staaten sind bis heute verschuldet. Sie haben Schulden bei Banken, die den ehemaligen Imperialisten gehören. Der Kolonialismus ist also nicht vergangen. Und er verursacht Armut und Perspektivlosigkeit und somit auch Migration.

 

Und als Lösung zur Perspektivlosigkeit schlagen Sie in Ihrem Buch auf Seite 24 den Frieden vor. Wie meinen Sie das?

 

Es geht mir dabei um Menschenrechte. Wir beobachten, dass die westlichen Länder unter dem Vorwand der Menschenrechte ihre Armee in die afrikanischen Ländern schicken, sodass sich militärische Einsätze auf dem Kontinent vermehren. Man hat das in Mali, in Côte d’Ivoire und in Libyen gesehen. In Libyen vor allem hat sich die Flüchtlingssituation stark verschlechtert. Bis heute leiden Menschen in Libyen, weil man die militärische Lösung statt die des Friedens bevorzugt hat. Für mich ist aber eine friedliche Lösung wichtig, um Menschen zu zeigen, dass sie wirklich unabhängig sind. Je mehr militärische Einsätze in Afrika stattfinden, desto stärker wird das Gefühl bei den Afrikaner/innen befreit werden zu müssen. Sie hätten also das Gefühl nie im Frieden zu leben. Solange man nicht in Maßnahmen investiert, die Frieden stiften, wird sich die Situation nicht verbessern.

 

Sie schreiben auch, dass die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit sehr wichtig ist. Nicht nur seitens Afrikas, sondern auch seitens Europas. Inwiefern sollte sich Europa damit auseinandersetzen?

 

Für mich soll die Aufarbeitung der Vergangenheit auf beiden Seiten erfolgen. Die Länder, die sich am Kolonialismus beteiligt haben, stehen für immer in der Verantwortung. Ebenso liegt es bei den Afrikanern selbst. Keiner trägt mehr Schuld als der andere. Die Afrikaner/innen müssen ehrlich zu sich selbst sein und ihre Verantwortung während des Kolonialismus und der Sklaverei erkennen. In Europa muss die Aufarbeitung vor allem im Bereich der Bildung aber auch der medialen Darstellung Afrikas erfolgen. Die Bilder Afrikas, die wir heute in Europa sehen, sind eigentlich die gleichen, die während der Kolonialzeit kursierten. Mit der Kolonialerziehung, wurde hier in Europa das Bild vermittelt, Afrikaner/innen hätten keine Würde. So nach dem Motto: „Wir sind die Menschen, die anderen sind Untermenschen und wir sollen sie zivilisieren“. Und das prägt die europäische Bevölkerung bis heute. Mit der Aufarbeitung meine ich, diese Bilder nicht mehr zu reproduzieren.

 

Zum Thema Bildung schreiben Sie, dass Bildung in Afrika kaum Bezug zur Realität der Menschen hat. Und das sei entwicklungshemmend.

 

Das Bildungssystem in Afrika ist gescheitert. Das sage ich ganz klar. Und meine Aussage bezieht sich insbesondere auf Subsahara-Afrika. Joseph Ki-Zerbo[2] sagte über das Bildungssystem in Afrika, es sei wie in einem Dorf, in dem 95% der Geschäfte Fleischereien sind. Im Dorf würden aber nur Vegetarier leben. Das heißt, es wird Menschen Fleisch angeboten, die eigentlich kein Fleisch essen. Das Bildungssystem in Afrika hat also mit der Kultur, den Werten, der Geschichte der Afrikaner/innen nichts zu tun. Daher sage ich, dass es komplett gescheitert ist. Es war ein Projekt aus Europa, um Verwaltungsangestellten der Kolonialherren auszubilden.

Die Afrikaner/innen können also nicht in diesem System die Entwicklung erreichen. Sie schicken ihre Kinder in eine Schule, die eigentlich für Verwaltungsangestellten nach dem europäischen Model vorgesehen ist. Die afrikanische Kultur wird dabei völlig außer Acht gelassen. Einige sagen, Afrika habe keine Kultur. Dann sollten sie Berichte von Ibn Battuta oder von Alvise Cadamosto lesen, die in Afrika waren und berichtet haben, wie die afrikanische Gesellschaften bis zum letzten Punkt organisiert waren. Sie hatten Regeln, Tabus, und vor allem Bildung, die man leider komplett vernachlässigt hat. Man hätte besser die afrikanischen Bildungstraditionen an die europäischen Lernsysteme angepasst, anstatt sie völlig auszulöschen.

 

Interessant an ihrem Buch ist die Rolle, die sie der afrikanischen Diaspora zuweisen. Inwiefern ist die Diaspora für die Entwicklung Afrikas wichtig?

 

Für mich spielt die Diaspora eine größere Rolle, als man ihr bisher zugetraut hat. So wie ich im Buch geschrieben habe, nimmt man an, dass die Diaspora nicht organisiert wäre und unprofessionell handeln würde. Dies ist aber meiner Meinung nach ein Vorwand. Die Diaspora hat für mich drei Rollen. Erstens eine finanzielle Rolle: die Diaspora unterstützt die Menschen in Afrika, indem sie regelmäßig Geld sendet. Zweitens sollte sie zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in Europa beitragen. Sie sollte ein realistischeres Bild Afrikas vermitteln. Ich denke, dass die Diaspora eine ganz große Rolle bei der Bildung der europäischen Bürger/innen spielt. Drittens sollten entwicklungspolitische Projekte, die von Europa aus gesteuert werden, hier lebende Afrikaner/innen involvieren. Es kann nicht sein, dass europäische Länder etwa Ghana bei der Entwicklung unterstützen wollen, aber dabei nicht mit Ghanaer/innen, die hier leben, arbeiten. Das wirft für mich die Frage der Glaubwürdigkeit auf.

 

Was würden Sie Afrikaner/innen auf den Weg zur Entwicklung geben. Was sollte man unbedingt berücksichtigen?

 

Ich halte das Thema Bildung für sehr wichtig. Die Curricula und Lerninhalten sollten so schnell wie möglich reformiert werden. Ein schönes Beispiel, das ich in dem Buch zitiere, ist das von Tansania, dessen ersten Präsident Julius Nyerere gelungen ist, eine eigene Bildungsstrategie zu entwickeln. Allerdings wird alles ab der vierten Klasse sehr europäisiert. Ich war neulich in Tansania und dort gibt es außerdem sehr wenige Probleme zwischen den verschiedenen Ethnien. Für mich ist Bildung also der Schlüssel. Wir sollten aufhören unseren Kindern in den Schulen beizubringen, dass andere uns gerettet hätten. Es gibt zahlreiche Beispiele von afrikanischen Helden, wie zum Beispiel Toussaint Louverture, der eine zentrale Rolle bei der Gründung des ersten unabhängigen Staates Haiti gespielt hat. Warum lernen die Kinder nicht unsere eigene Geschichte, unsere eigene Sprache? Das ist aber alles möglich und wichtig. Denn die Bildung in Afrika bildet Halbeuropäer. Das kann aber nicht sein. Der erste Schritt zur Entwicklung ist also die Bildung.

 

[1] Franc-CFA: Franc de la communauté financière d’Afrique.

[2] Ein aus Burkina-Faso stammende Historiker