‘Flüchtlinge’, ‘Flüchtlingspolitik’ und ‘Integration’ sind Begriffe, die uns zurzeit täglich begleiten. Viele begegnen diesen Begriffen noch mit Unsicherheit und manchmal sogar mit Abneigung. Für Viele ist die Flüchtlingsthematik ein weit entferntes Problem – und genau hier liegt die Herausforderung. Um wirklich über die Menschen urteilen zu können, bedarf es mehr, als die Nachrichten zu verfolgen. Man muss einen Schritt ins Ungewisse wagen und sich selbst mit der Thematik auseinander setzten. Jeder Einzelne kann viel für die Gesellschaft beitragen. Als wunderbares Beispiel geht Aicha Hamoud-Gogollok voran. Die gebürtige Marokkanerin unterstützt schon seit vielen Jahren die Flüchtlings- und Migrantenintegration in Deutschland.

Afrika!-Portal: Erzählen Sie doch kurz ein bisschen etwas zu Ihrer Person.

IIMG-20140605-WA0011ch wurde 1954 in Marokko geboren und wohne nun seit über 40 Jahren mit meinem Mann in Deutschland, in Ludwigshafen am Rhein. Derzeit bin ich Dozentin für Deutsch, auf Honorarbasis an der Diakonie in Ludwigshafen, und unterrichte Flüchtlinge und Migranten,in letzter Zeit natürlich hauptsächlich Flüchtlinge. Die Kurse, in denen ich unterrichte, sind für Frauen aus verschiedensten Ländern und für jedes Sprachlevel.

Seit 20 Jahren gebe ich nun diese Alphabetisierungskurse, und ich bin froh, dass ich den Menschen meine Unterstützung anbieten kann. Angefangen habe ich bei der Diakonie natürlich auf ehrenamtlicher Basis. Damals habe ich hier und da als Dolmetscherin fungiert und auch oft als Begleitperson für Ämterbesuche, Krankenbesuche oder sonstige Behördenbesuche. Nachdem immer mehr Flüchtlingsprojekte ins Leben gerufen wurden, auch von der ZAB und der Arbeitsagentur, ist die Nachfrage nach Hilfskräften, Lehrpersonen und Dolmetschern natürlich gestiegen.

Afrika!-Portal: Wann kamen Sie denn nach Deutschland und wieso?

Ich kam 1975 kurz nach meiner Heirat mit meinem derzeitigen Mann nach Deutschland. Er war als Schiffsingenieur viel unterwegs, dadurch hatten wir uns auch kennen gelernt. Damals hab ich noch in Essaouira gelebt, meiner Heimatstadt. Für uns stand nach der Heirat fest, dass ich ihn nach Deutschland begleiten würde.

Afrika!-Portal: Wenn Sie Marokko mit 5 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Schön, traditionsreich (viele verschiedene Sprachen und Kulturen), farbenfroh, farbenprächtig und widersprüchlich (das Moderne und die alten Traditionen harmonieren nicht immer, die neue Generation versucht immer, einen Spagat zu bewerkstelligen).

Afrika!-Portal: Was ist in Ihren Augen typisch marokkanisch?

Couscous ist durchaus ein typisch marokkanisches Gericht, außerdem sind die Tajines (die sogenannten Schmortöpfe) auch sehr charakterisierend für Marokko. In Tajines kocht man so gut wie alles, von Fisch über Fleisch bis hin zu Gemüse, alles natürlich auf Holzkohlen.

Afrika!-Portal: Was unterscheidet Menschen aus Marokko von Menschen aus Deutschland?

Ich würde sagen, dass die Menschen in Marokko definitiv ein Inbegriff der Gastfreundschaft sind, mehr als die Deutschen in vielerlei Hinsicht. Außerdem sind Marokkaner auch viel traditionsbewusster.

Afrika!-Portal: Haben Sie einem Lieblingsplatz in Marokko?

Mein Lieblingsplatz ist definitiv in einem Café am Strand von Essaouira. Dort hat man den Hafen und die Insel im Blick und kann für einige Minuten einfach das Leben genießen.

Afrika!-Portal: Haben Sie noch Familie in Marokko?

Meine Mutter lebt noch in Marokko, und drei meiner Schwestern mit Kindern und Enkelkindern. Hier in Deutschland hab ich eine Schwester, eine Nichte und die Familie meines Mannes.

Afrika!-Portal: Was würden Sie jemandem raten, der nach Marokko reisen möchte?

Am wichtigsten ist es, die Traditionen des Landes zu respektieren. Man sollte sich als Frau nicht unbedingt extrem offenherzig kleiden, da es immer noch ab und an Konflikte zwischen dem an den Westen angelehnten Lebensstil und den alten beständigen Traditionen gibt. Ganz wichtig ist auch, sich nicht nur am Strand und in Hotels aufzuhalten. Um Marokko wirklich von seinen schönsten Seiten sehen zu können, muss man sich auch unters Volk mischen.

Afrika!-Portal: Wie sehen Sie den Stellenwert der marokkanischen Gesellschaft in Deutschland?

Mir ist nie etwas Negatives aufgefallen. Ich glaube, dass wir Marokkaner nicht so stark vertreten sind, als dass wir als eigenständige Volksgruppe wie etwa die Türken wahrgenommen werden. Es gibt durchaus marokkanische Vereine und Organisation201602142253112en in Deutschland, jedoch sind wir nicht so präsent und doch eher noch etwas Besonderes. Marokkaner integrieren sich auch meines Erachtens sehr gut, es gibt weniger die landestypischen Gruppierungen, wir sind sehr schnell ein Teil der Gesellschaft.

Afrika!-Portal: Sie selbst sind schon sehr viel gereist, wo war Ihr schönster Aufenthalt?

Meine schönste Reise war definitiv nach Martinique. Wir waren damals in einem wunderschönen Hotel und hatten beim Frühstück morgens einen Blick auf die Bucht und konnten Vögel beobachten. Die Natur, die Menschen, die Landschaft, es war sehr idyllisch. Ähnlich war es auf Sri Lanka, jedoch hat mein Mann dort Freunde und wir hatten so einen viel engeren Bezug zu dem Land und den Menschen, anders als auf Martinique.

Afrika!-Portal: Wie viele Sprachen sprechen Sie? Beherrschen Sie Arabisch?

Ja, ich beherrsche Arabisch, außerdem Englisch, Deutsch und auch Französisch. Natürlich ist Arabisch derzeit am Gefragtesten.

Afrika!-Portal: Engagieren Sie sich in ihrer Freizeit gemeinnützig? Wie stehen Sie generell zu sozialem Engagement?

Soziales Engagement ist mir persönlich sehr wichtig, ich bin nebenher auch in der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ in Ludwigshafen tätig, einer Beratungsstelle für Frauen, Kinder und inzwischen auch Männer mit Brustkrebs. Seit 1992 bin ich dort aktiv, es hat auch eher als Zufall begonnen, doch nun sind es bereits 24 Jahre.

Afrika!-Portal: Als Deutschlehrerin sind Sie selbst ein sehr gutes Beispiel für gelungene Integration. Wie kamen Sie dazu, Flüchtlinge zu unterrichten und was war Ihr Antrieb?

Vor circa 20 Jahren, im Alter von 40 Jahren, bin ich auch hier durch Zufall über eine Bekannte mehr oder weniger in die Flüchtlingsarbeit hineingestolpert. Ich sollte damals als Dolmetscherin einspringen und ab und an der Diakonie aushelfen. Mit der Zeit gab es immer mehr Angebote und auch immer mehr Nachfrage nach Unterstützung, sodass aus dem vereinzelten Einspringen doch mehr oder weniger eine Lebensaufgabe für mich wurde. Zu wissen, dass man vielleicht einen kleinen Stein für verschiedenste Schicksale in die richtige Richtung legen kann, ist etwas, dass einen sehr erfüllt und antreibt.

Die Idee hinter den Frauenkursen war zum Beispiel folgende: Man hat sich überlegt, Frauen in einem geschützten Rahmen lernen zu lassen, ohne den Einfluss von Männern. Sie hatten so durchaus auch die Möglichkeit, ihre Erfahrungen durch die Flucht, ihre tragischen, prägenden Eindrücke mit anderen Frauen teilen zu können. Viele Frauen haben bereits Kinder und ihre Partner, sollten sie mit nach Deutschland gekommen sein, sind meistens berufstätig, daher hatten sie wenig Unterstützung mit ihren Kindern. Die Diakonie bietet ihnen während der Sprachkurse Kinderbetretung an und die Frauen hatten die Möglichkeiten sich fortzubilden. Man unterschätzt die Frauen ganz oft, wir haben so viele wissbegierige, schlaue und auch karrierebewusste Frauen bei uns, welche oft auch hoffen, dass ihre bereits erworbene Ausbildung oder ihr Studium hier in Deutschland anerkannt wird oder sie neue Arbeit aufnehmen können. Eine große Nachfrage besteht zum Beispiel bei soziale Berufen. Ein Migrant oder Flüchtling benötigt ein B2-Level um eine Ausbildung in Deutschland beginnen zu können, und normalerweise, wenn die betreffenden Personen bereits alphabetisiert sind, dauert es an die 2-3 Jahre bis sie dieses Level vorweisen können.

Afrika!-Portal: Was war Ihre beeindruckendste Erfahrung in Ihrer bisherigen Arbeit?

Ich habe jahrelang eine Frau aus dem Kongo begleitet, die immer verbissen und aktiv an ihrer Aufenthaltsgenehmigung gearbeitet hatte. Wie bei vielen anderen Flüchtlingen prägte auch sie ein schlimmes Schicksal, ihr Mann wurdet ermordet und sie wurde jahrelang verfolgt. Hier in Deutschland hatte sie Unterstützung von allen Seiten und sie war unglaublich schlau und zäh. Sie wollte in Deutschland bleiben, sie hat hart dafür gearbeitet und das schönste Geschenk, wenn auch erst nach 10 Jahren, war es mitzuerleben, wie sie ihre Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Sie ist eine inspirierende Frau und ich sehe sie oft beim Arbeiten. Es erfüllt einen mit Stolz zu wissen, dass man selbst auch einen kleinen Teil dazu beigetragen hat.

Afrika!-Portal: Wie kann Ihrer Meinung nach jeder Einzelne dazu beitragen, den Menschen, die zu uns kommen zu helfen?

Selbst aktiv werden. Sich engagieren. Es gibt so viele Arbeitskreise, Asylcafés in dem man selbst einfach teilnehmen kann. Die Gruppen unterstützen, angebotene Patenschaften übernehmen, helfen, Flüchtlinge zu begleiten oder Events vorzubereiten. Die Probleme, die wir zurzeit haben, sind riesig, verteilt auf wenige Menschen. Würde jeder Einzelne etwas beitragen, wäre der Berg an Problemen schon weitaus geringer und tragbarer. Die Stärke liegt in der Gemeinschaft.

Afrika!-Portal: Merken Sie einen Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Gesellschaft in puncto Integration? Sehen Sie eine Verbesserung oder gar eine Verschlechterung?

Es gibt auf jeden Fall jetzt mehr Hilfe für die Flüchtlinge, daher eine Verbesserung. Die Einführung der Integrationskurse vom Bundesamt für Migration, welche durchaus auch die Flüchtlinge verpflichtet, an Deutschkursen teilzunehmen, sorgt generell für eine bessere Grundlage. Heute werden auch viel mehr Kurse subventioniert. Nur so erreicht man die gewollten Voraussetzungen, sodass man irgendwann von einer gelungenen Integration sprechen kann.