Der Verein Maisha e.V. belegte bei unserem „afrika! Community Award 2018“, der durch MoneyGram möglich gemacht wurde, den ersten Platz in der Kategorie „Soziales Engagement / Bildung“ . Wir trafen Vereinsgründerin Virginia Wangare Greiner zum Gespräch.

Virginia Wangare Greiner (rechts) bei der Verleihung der African Community Awards durch (v.l) Irmgard Breucker, Head of Field Marketing Europe MoneyGram, Andrea Maramotti, Head of Marketing EMEAAP Moneygram und Sherry Kizhukandayil, za:media GmbH

Ziel des Vereins Maisha e.V. ist die Verbesserung der psychischen und sozialen Situation afrikanischer Frauen in Deutschland. Mit der Migrationserfahrung als Ressource hilft der Verein bei der Integration und schöpft dabei gleichzeitig Kraft aus seinen afrikanischen Wurzeln.

Frau Wangare Greiner, herzlichen Glückwunsch noch einmal zum afrika! Community Award! Zu welchem Zweck haben Sie den Gewinn eingesetzt?

Der Award ist für mich vor allem wertvoll, weil er Wertschätzung an unserer Arbeit zeigt. Anerkennung und Sichtbarkeit sind unbezahlbar. Den Gewinn haben wir nach Ghana gesendet. Wir unterstützen damit Frauen, die zurückgekehrt sind. Sie werden als Kleinunternehmerinnen Pflegeprodukte aus Sheabutter herstellen. Zuerst bekommen sie eine Ausbildung, dann beginnen sie mit der Herstellung der Produkte, die sie anschließend vertreiben. Das verhilft ihnen zu mehr Unabhängigkeit. Auch aus kleinen Gesten können große Taten werden!

Der Verein Maisha e.V. existiert bereits seit 1996. Was war die Ausgangslage und der Anstoß für die Gründung?

Ich habe den Verein Maisha e.V. gemeinsam mit sechs Frauen initiiert. Begonnen haben wir mit Informationsveranstaltungen zur Schulbildung von Kindern und mit Hausaufgabenhilfe. Wir hatten am Anfang selbst Schwierigkeiten das deutsche Schulsystem zu durchschauen. Viele von uns waren ganz neu in Deutschland und die Anforderungen der Schule wurden immer größer.

Zusätzlich haben wir Aufklärung in Sachen Ärzte angeboten. Auch hier haben wir selbst erlebt, wie schwierig es sein kann zu verstehen zu welchem Arzt wir gehen sollen, wenn wir oder unsere Kinder krank sind. In Deutschland gibt es ja so viele verschiedene Ärzte. Wenn du aus einem Land kommst, in dem es dieses große Angebot nicht gibt, ist das deutsche Gesundheitssystem zu Beginn schwer zu durchschauen.  Für Neuankömmlinge ist das alles andere als selbstverständlich.

Maisha eV.

 

Gibt es dafür nicht auch staatliche Integrationskurse?

Die Integrationskurse in Deutschland bestehen leider fast ausschließlich aus Sprachunterricht. Es wird ganz vergessen, was alles noch dazu kommt, das den Alltag enorm erschweren kann.

Zu uns kommen zum Beispiel Frauen die sozusagen in ihren vier Wänden eingesperrt sind, weil es ihnen schon Sorge bereitet von A nach B zu kommen. Da tut sich zum Beispiel das Problem auf: Wie kaufe ich ein Ticket? Dort wo ich herkomme, konnte ich das Ticket einfach im Bus kaufen…

Für jeden kann es zur Schwierigkeit werden, in einem Land, dessen Sprache man nicht gut beherrscht, ein Ticket zu lösen. Wenn man nun noch nicht gut lesen und kamen bisher kaum mit der digitalisierten Welt in Berührung gekommen ist, kann so ein Ticketautomat zum Hindernis werden.

Dies betrifft vor allem ältere Leute und Menschen, die ganz frisch hierher kommen. Diese alltäglichen Hindernisse, werden einfach oft vergessen. Dabei beginnt Integration im Alltag! Aus diesem Grund haben wir Maisha e.V. gegründet.

Maisha e.V. ist ein Verein speziell für Frauen. Mit welchen Schwierigkeiten sehen sich insbesondere Frauen konfrontiert, wenn Sie zu Ihnen kommen?

Die Themen sind ganz verschieden. Gesundheit, Beruf, Kinder, Zugang zum Arbeitsmarkt, aber auch häusliche Gewalt.

Ebenso betreiben wir kulturspezifische Sensibilisierungsarbeit, zum Beispiel mit der Polizei. Damit sie die afrikanische Kultur besser verstehen und weniger Missverständnisse auftreten.

Wenn Sie die afrikanische und die deutsche Kultur betrachten, welche Missverständnisse sehen Sie hier, die sich vermeiden ließen?

Es ist eigentlich ganz einfach: Missverständnisse entstehen, wenn man nicht miteinander redet.

Nimmt man zum Beispiel die Leute, die auf eurem „afrika! Community Award waren“; Ein Fehlgedanke wäre es anzunehmen, dass sie alle gleih sind und dieselbe Sprache sprechen, weil sie alle aus  Afrika stammen. So ist es aber ganz und gar nicht! Afrika ist wahnsinnig vielfältig. Afrika ist kein Land, es ist ein ganzer Kontinent! Man spricht unzählige Sprachen. Alleine in Nigeria werden über 240 verschiedene Sprachen gesprochen, in Kenia 47. Wenn man jetzt noch die 56 afrikanischen Länder dazu nimmt, bekommt man vielleicht ein vages Gefühl dafür, wie unterschiedlich Afrika ist.

Nach wie vor sind Bilder von Afrika in den Köpfen verwurzelt – Bilder aus der Kolonialzeit von Armut und Unzivilisiertheit. Das ist gefährlich, denn sie stimmen nicht mehr. Wer selbst noch nie in Afrika war kann es sich vielleicht nicht vorstellen: Afrika ist in mancher Hinsicht sogar moderner als Deutschland. Da gibt es Häuser, so etwas habe ich hier noch nie gesehen! Es gibt Hotels, die sind unter den Top 10 weltweit.

Was denken Sie, wie sich dieser Blickwinkel ändern könnte?

Da gibt es natürlich viele Ansätze. Die Hauptsache ist, sich besser kennenzulernen. Sonst ist immer Platz für Vermutungen. Viele Afrikaner leben hier in einer Art Parallelgesellschaft, weil sie keinen Anschluss zur deutschen Gesellschaft finden. Wenn sie diesen Anschluss nicht haben, ist das natürlich auch für ihre Kinder nicht gut. Ich möchte gerne, dass die Frauen, die hierher kommen, kennenlernen können, wie die Deutschen leben. Wenn man weiß, wie der andere lebt, ist es auch einfacher, anzukommen und sich zu integrieren. Das bedeutet nicht, dass man als afrikanische Frau alles eins zu eins übernehmen muss, aber man muss es verstehen!

Wenn man das nicht weiß, kann es tatsächlich auch soweit kommen, dass das Jugendamt kommt und sagt: Bei euch zuhause ist dies/das nicht vorhanden, das ist Kindeswohlgefährdung. Wenn eine afrikanische Frau nie gesehen hat, wie ein deutscher Haushalt geführt wird, kann man das noch so oft erzählen, es wird nicht hinhauen. Ich persönlich habe Glück gehabt, ich hatte viele deutsche Freundinnen, weil ich von Anfang an dafür gekämpft habe.

Ich habe immer zu mir nach Hause eingeladen. Wenn jemand nicht gekommen ist, habe ich es wieder und wieder versucht, bis es dann geklappt hat. Irgendwann wurde auch ich in verschiedene Wohnungen von deutschen Müttern eingeladen und ich muss gestehen, dass ich oft gedacht habe: Ich bin nicht gut genug! Diese Frauen bringen selbstgemachten Kuchen mit, wenn ihre Kinder Geburtstag haben! Irgendwann habe ich mir geschworen: Ich werde es schaffen, sogar noch besser in der Haushaltsführung zu sein, als es diese Frauen ohnehin schon sind! Das war wirklich eine Motivation. Ich habe angefangen, Hauswirtschaftskurse besuchen. Ich habe eine komplette Ausbildung durchlaufen, nur um reinzupassen. Ich glaube, ich bin in Deutschland die einzige Afrikanerin, die einen Meistertitel in der Hauswirtschaftslehre hat.

Heute unterrichte ich selbst schon seit 27 Jahren in der Volkshochschule Hauswirtschaft, denn seine Umgebung und seinen Haushalt zu verstehen, damit geht es los. Wenn du den Haushalt, in dem du lebst, nicht verstehst, bist du überfordert damit. Ganz egal wie intelligent du bist.

Maisha e.V. ist europaweit vernetzt. Was sind die aktuellen Projekte und mit wem arbeiten Sie zusammen?

Wir sind Mitglied  in verschiedenen Kommissionen, kürzlich war ich zum Beispiel in Brüssel bei einer Tagung der EU-Kommission gegen Menschenhandel dabei.

In Deutschland gibt es viele afrikanische Vereine, wie erleben Sie diese vielfältige Vereinslandschaft?

Es ist sehr gut, dass so viele Vereine gegründet werden. Noch besser wäre es, wenn den Vereinen Gelder zur Verfügung stünden. Viele Vereine verfügen über zu wenig Mittel. Gerade Kulturvereine brauchen mehr Unterstützung.
Ich würde mir auch noch mehr von Frauen geführte Vereine wünschen. Bundesweit sind wir die einzige afrikanische Frauenorganisation mit einer Beratungsstelle.