‘Man muss die Sprache nicht verstehen können um die Botschaft zu verstehen!’

Am 22.01.16 holte das BASF-Kulturmanagement im Rahmen ihres Querbe@t Kulturprogramms eine außergewöhnliche Künstlerin nach Ludwigshafen in dasHaus: die Rede ist von der 1978 in Casablanca geborenen, marokkanischen Künstlerin Oum. Wir waren vor Ort!

Die Sängerin Oum El Ghait, singt schon ihr ganzes Leben lang und die Musik ist ihr ständiger Begleiter. Angefangen hat die Marokkanerin mit kleinen Soli im Gospelchor in ihrer Heimat. Mit 17 nahm sie ihr erstes Lied auf und gab ihrer Karriere somit den Startschuss. Fortan nutzte Oum jede Möglichkeit um an ihrem Traum, die Menschen durch ihre Musik zu erreichen, zu arbeiten. Sie arbeitete weltweit mit vielen Künstlern und Produzenten zusammen und bereits 2009 wurde ihr erstes Album ‘Lik’ in Casablanca veröffentlicht. Ihre Fangemeinde wuchs kontinuierlich und drei Jahre später vollbrachte sie ihre nächste Kreation ‘Sweetry’.

Marokko hat sie seitdem bereits erobert, an Europa ist sie dran und an diesem 22. Januar geht es nach Ludwigshafen. In den ca. 270m² großen Saal passen bis zu 800 Gäste hinein und Oum schafft es, die Kapazität fast auszulasten. Die anfängliche Frustration der Gäste, dass der Saal unbestuhlt ist, verfliegt bereits Sekunden nachdem die hübsche 37-jährige Marokkanerin kurz nach 20.00 Uhr die Bühne betritt. Mit ihrer bezaubernden, unkonventionellen Art gewinnt die barfüßige Künstlerin sofort die Sympathie der Menge. Im farbenfrohen luftigen Kleid, mit orangenem Turban und außergewöhnlichem Schmuck, muss sie nur einmal Lachen um die Menge zu begeistern. Mit ihr auf der Bühne ist ihre vierköpfige, unglaublich talentierte Band. Ob Kontrabass, Querflöte, Schlagzeug & Percussion, Trompete, die marokkanischen Gnawa-Kastagnetten oder Oud (ein gitarrenähnliches Instrument) – jedes einzelne Instrument ist essentiell für dieses wundervolle Konzert.

Oum beginnt nach einem kurzem Intro ein klein wenig von sich zu erzählen. Freiheit, Hoffnung, Emanzipation, Frauen, Liebe, Leben: all dies ist nur ein Bruchteil der vielen Werte, für die Oum einsteht und kämpft. Es ist ihr erstes Mal in Deutschland, so erzählt sie begeistert. An diesem Abend performte sie ihrem Album ‘Soul of Morocco’ (2013) und ihrem neuen Album ‘Zarabi’ (2015). Sie ist stolz auf ihrer marokkanischen Wurzeln, auf die Vielfalt Marokkos und freut sich darauf uns nach Marokko entführen zu dürfen. Ihr erstes Lied des Abends stammt aus ihrem älteren Album ‘Soul of Morocco’. Ein Lied, das sie als ‘Celebration of Life’ betitelt, es heißt ‘Aji’, übersetzt bedeutet es ‘Komm”. Ein sinnlicher und einladender Einstieg in den Abend. Man hat das Gefühl, dass Oum einem die Tür zu ihrer Welt öffnet. Ob Cello, Trompete, Kastagnette oder Gesangsolo – auch jedes weitere Lied fesselt die Menge auf ganz eigene besondere Weise und führt jeden in den Zauber des Orients und des Abendlandes. Die rhythmischen Klänge des Jazz, Blues, Soul und Gospel dominieren ihren Sound und der Mix aus Tradition und Moderne fasziniert jeden im Raum.

Ihr vierter Song ‘Salam’ ist aus ihrem Album ‘Soul of Morroco’, es bedeutet Friede und hat eine ganz besondere, traurige sowie rührende Botschaft. Dieses Lied widmet Oum einer talentierten Fotografin aus Marokko, welche am 18. Januar aufgrund eines Terroranschlags in Burkina Faso verstorben ist. Leila Alaoui war eine Künstlerin, welche sich besonders durch ihre Arbeit über Migration, kulturelle Vielfalt und Identität auszeichnete und noch wichtiger: sie war Oums Freundin, gerade mal 33 Jahre jung. An diesem Abend, so erzählt sie, werden sich Freunde und Familie von Leila Alaoui in ihrer Heimatstadt versammeln und ihrer Gedenken. Man spürt förmlich die direkte Anteilnahme der Menge im Raum und auch Oum ist für ein paar Sekunden sehr nachdenklich. Trotz der Trauer, die Oum mit Sicherheit noch verarbeitete, bewegt sie und ihre Band auch mit diesem Lied die Menge. In diesen Minuten ist ein ganzer Saal voller Menschen, in Gedanken bei Leila Alaoui.

Ihre Art und Weise mit ihrer Stimme die herkunftstypischen Elemente und die zeitgenössische Musik zu verbinden, kreierte einen ganz besonderen Sound. Sie betont, dass es oft nicht einfach sei auf Englisch zu erklären, was ihre Lieder auf Arabisch bedeuteten. Die beste Möglichkeit, die wahre Bedeutung zu verstehen, ist sich einfach mitreißen zu lassen und die Musik selbst sprechen zu lassen. Daraufhin singt Oum voller Stolz einen ihrer ersten Songs namens ‘Lik’, aus ihrem Album ‘Soul of Morroco’. Kurz bevor die Band anfängt zu Spielen hält sie nochmals inne und bedankt sich bei ihren außergewöhnlichen Künstlern. Sie lobt ihre brillanten Talente und ihre wärmenden Persönlichkeiten. Man bekommt den Eindruck als blicke man auf eine kleine zusammen musizierende Familie. Alle wirken sehr vertraut und glücklich, gemeinsam auftreten zu können. Einige ihrer Musiker stammen aus Kuba und haben ihr dadurch viel der Kultur und der Menschen nahegebracht. Sie betont, wie viel man von kubanischer Musik lernen kann und wie viel sie einem schenkt. Das Lied ‘Venite Anos’ von María Teresa Vera hat sie und ihre Band sehr begeistert, weshalb sie es ins Arabische übersetzt und ihre eigene persönliche Version daraus komponiert haben.

Natürlich sind es nicht nur die oben genannten Werte, welche Oum durch ihre Lieder vermitteln möchte, ein für sie ebenso wichtiges Thema ist Familie. ‘Wali’, aus Ihrem neuen Album, ließe sich mit Familie umschreiben, sei jedoch im arabischen ein Ausdruck mit einer weit größeren Bedeutung. Mit einer wichtigen Botschaft stimmt sie mit ihren marokkanischen Gnawa Kastagnetten das nächste Lied an: ‘Man muss wissen und wertschätzen woher man kommt um zu verstehen wohin man geht’. Das Stück ist ein Tribut an ihre Familie, an die vor ihr und an die die noch kommen werden. Ein Tribut, das das gesamte Publikum gerne mit ihr teilt.
Ein weiterer Song aus Ihrem neuen Album führt uns in die Wüste. Oum schwärmt von den Nomaden, ihrer Kultur und ihrer Bekanntschaft mit Ihnen. Zuerst war nur das eine Lied den Nomaden gewidmet, bis ihre Band und sie so begeistert von der Energie und Lebensweise der Nomaden waren, dass sie sich entschlossen haben, das gesamte Album dort aufzunehmen. Das letzte Lied des Abends ist eines der mitreißendsten für die Menge. Auch wenn sie das Lied nicht geschrieben hat, ist es definitiv ein weiteres unglaublich schönes rhythmisches Lied, in dem sie die Wüste erneut zum Thema macht. Die Menge jubelt und ruft ihr zu, die Begeisterung ist ansteckend. Keiner kann mehr still stehen alle fangen an, sich im Rhythmus des Liedes zu bewegen. Oum lässt die Kastagnetten erklingen und gibt sich der Musik hin. Auch das Cello und das Oud zeigen erneut, was in ihnen steckt.

Kaum hat sich die Band und Oum nach einem erfolgreichen Konzert verabschiedet, starten natürlich auch die Zugabe-Rufe aus dem Publikum und ein weiterer kleinerer Auftritt folgt. Die Menge ist glücklich. Oum selbst sagt von sich, dass sie eine sehr gläubige Muslimin sei, jedoch über sich und ihren Körper selbst bestimmen möchte. Eine wichtige Botschaft für alle Frauen auf der Welt. Der Glaube sei eine Überzeugung, eine Lebenseinstellung, jedoch hätte jeder Mensch das Recht, über seinen Körper und seine Erscheinung selbst zu entscheiden. Beides ist eine Option und sollte in der heutigen Gesellschaft mehr Akzeptanz finden. Oum macht es uns allen vor. Sie schafft es, arabische und abendländische Traditionen mit unkonventionellen Jazz, Gospel und Soul zu verbinden. Sie gewährt jedem an diesem Abend Einblicke in ihre Welt. Definitiv eine außergewöhnlich beeindruckende Künstlerin.

Lena Ade

Hier unten seht ihr noch ausgewählte Musikvideos zu Oum, um euch selbst ein Bild dieser faszinierenden Künstlerin zu machen. Viel Spaß dabei!