Seit 1991 wird alle zwei Jahre der sogenannte Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis an Autoren aus aller Welt verliehen. Erinnern soll der Preis an den Schriftsteller Erich Maria Remarque und sein Werk “Im Westen nichts Neues“, das wegen seiner Kritik am ersten Weltkrieg große Aufmerksamkeit erhielt. Vor allem literarische Werke, die sich mit Themen des inneren und äußeren Friedens auseinandersetzten, werden daher für die Verleihung des Preises berücksichtigt.

Für sein 1986 erschienenes Werk Dekolonisierung des Denkens – Essays über afrikanische Sprachen in der Literaturwurde in diesem Jahr erstmals ein ostafrikanischer Autor ausgezeichnet: Ngũgĩ wa Thiong’o. Ein Name, der auch hierzulande nicht allzu unbekannt sein dürfte.

Als schon seit längerer Zeit aussichtsreicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis ist Ngũgĩ wa Thiong’o nämlich auch in den deutschen Bestseller-Listen keinesfalls ein fremder Name. “Herr der Krähen” oder “Im Haus des Hüters” sind nur zwei Titel seiner afrikanischen Romane, die in Deutschland große Beliebtheit erlangten. Der Inhalt seiner Publikationen; eine Mischung aus Autobiographie und Politik. Gerade in seiner Heimat sorgt er damit immer wieder für Gesprächsstoff und zählt heute zu einem der bedeutendsten ostafrikanischen Autoren.

1938 in Kenia geboren, war Ngũgĩ wa Thiong’o das erste von vier Kindern, das nicht nur die Schule besuchen durfte, sondern später sogar die Möglichkeit hatte, an der Makerere Universität in Kampala (Uganda) zu studieren. Während seines Studiums der Anglistik fand er schnell Gefallen an der Literatur und veröffentlichte 1964 seinen allerersten Roman “Abschied von der Nacht” (im Orginal: Wheep not, child). Damals noch auf Englisch und unter seinem christlichen Namen James Ngugi. Die Thematik des Romans war das Verhältnis zwischen Afrika und der britischen Kolonialmacht. Auch in seiner späteren Karriere beschäftigte ihn der Einfluss von Kolonialmächten auf seinen Heimatkontinent sehr und wurde innerhalb seiner Bücher immer wieder zum Inhalt und zum Anlass für Kritik an der afrikanischen Regierung. Als offener Gegner des postkolonialen Systems wurde er 1977, nach der Aufführung seines kontroversen Theaterstücks “Ich Heirate Wann Ich Will” sogar verhaftet.
Obwohl er innerhalb seiner knapp einjährigen Haft unter sehr schlechten Bedingungen festgehalten und sogar gefoltert wurde, ließ sich Ngũgĩ wa Thiong’o auch in dieser Zeit nicht vom Schreiben abhalten. Ganz im Gegenteil -er verfasste im Gefängnis, als Zeichen seiner Verbundenheit zu seiner Heimat und als Protest gegen das englische Kolonialerbe, seinen ersten Roman in Gikuyu, seiner kenianischen Muttersprache. Auch seinen Namen änderte er in dieser Zeit von der christlichen Version James Ngũgĩ zu Ngũgĩ wa Thiong’o.

Das erste Stück das ich in Gikuyu, meiner Muttersprache schrieb, war während meiner Zeit in einem Hochsicherheitsgefängnis, in das mich keine Kolonial Regierung steckte – sondern eine afrikanische… das erste was sie [die Unterdrücker] tun ist die Sprache der, die sie unterdrücken, auszulöschen” (Ngũgĩ wa Thiong’o während eines US-Radio Interviews).

In seinem nun kürzlich ausgezeichneten Werk “Dekolonisierung des Denkens” setzt sich Ngũgĩ wa Thiong’o als Anwalt der Verwendung afrikanischer Sprache in afrikanischer Literatur ein. Anstatt afrikanische Geschichten in englischer Sprache zu verfassen, will der Autor, dass seine Werke heimatsnah sind, dass sie Afrika in authentischer Weise wiedergeben. Die Sprache, so Ngũgĩ, sei bei der Frage nach Authentizität dabei ausschlaggebend. Auch bei der Umgestaltung des “Instituts für Anglistik” in ein “Institut für afrikanische Sprache und Literatur” an der Universität von Nairobi war er maßgeblich beteiligt und setzt sich auch sonst für den Erhalt afrikanischer Literatur im weltweiten Konsens ein.

So besagt auch das Statement des Erich-Maria-Remarque Prei Komitees: “Mit Ngugi wa Thiong’o zeichnen wir einen Autor aus, der sich für die Selbstbestimmung Afrikas und die Dissoziation von kolonialen Einschränkungen einsetzt. Seine Bemühungen trotz oder gerade aufgrund verschiedensprachiger Literatur Dialoge zu schaffen, erzeugen ein Verständnis von seinem Kontinent und können als Einsatz zur Erreichung des Weltfriedens gesehen werden”.

Heute unterrichtet Ngũgĩ als Literaturprofessor an der Universität Yale, New York und an der Universität von California in Irvine. Seinen letzten Roman “Geburt eines Traumwebers” veröffentlichte er 2016.