Auch wenn hierzulande die Anzahl der Zwillinge aufgrund von Hormonbehandlung und künstlicher Befruchtung gestiegen ist, Zwillingsgeburten sind hierzulande immer noch ein besonderes Ereignis. Anders hingegen in Westafrika – besonders in Nigeria. Hier dürfte der Anblick von Zwillingspaaren wohl niemand überraschen.
Land der Zwillinge” heißt es auf einem Schild am Ortseingang von Igbo-Ora, einem kleinen Dorf im südwestlichen Nigeria. Die Zwillingsrate ist dort dreimal so hoch wie in ganz Europa und in den USA. Besonders Angehörige des Yoruba-Stamms sind mit einer hohen Zwillingsfruchtbarkeit gesegnet, statistisch gesehen erblicken bei jeder 20. Geburt Zwillinge das Licht der Welt.

Eine Untersuchung aus den Jahren 1972 – 1982 ergab, dass von 1000 Schwangeren in Igbo-Ora knapp 50 Frauen Zwillinge auf die Welt brachten. Zum Vergleich; In Deutschland sind nur rund 17 von 1000 Geburten auch Zwillingsgeburten.Bei nur 92.000 Einwohner heißt das für die Bürger der kleinen nigeranischen Provinz, dass die Wahrscheinlichkeit, selbst Zwilling zu sein oder zumindest einen nahen Verwandten zu haben, der als Zwilling geboren wurde, besonders hoch ist.

Die hohe Rate der Zwillingsgeburten in Igbo-ora resp.Westafrika ist bis heute noch immer ungeklärt. Für den Dorfvorsteher Olayide Akinyemi gibt es eine einfache Erklärung: Die Ernährung!

Die Yamswurzel –  integraler Bestandteil vieler traditioneller Gerichte der Yoruba – enthält das Hormon Phytoöstrogen, dem nachgesagt wird, es würde die weiblichen Eierstöcke anregen und gleichzeitig zwei Eier zur Befruchtung in die Eileiter transportieren. Aber auch den Blättern der Okra-Pflanze, die viel und gerne gegessen werden, sagt man eine besonders fruchtbarkeitsfördernde Wirkung nach. Einen medizinischen Beleg für diese Vermutungen gibt es aber bis jetzt noch nicht.

Der Gynäkologe Akin Odukogbe hat eine ganz andere Theorie: Seiner Meinung nach ist die Wirkung der Ernährungsweise auf die Fruchtbarkeit sehr gering. Vielmehr handelt es sich um eine genetische Veranlagung, die von den Eltern an ihre Kinder weiter gegeben werden. „Wenn es in einer Familie immer schon Mehrlingsgeburten gab, dann wird das von Generation zu Generation weitergegeben.“

Dadurch dass die Einwohner Igbo-Oras lange Zeit aus dem relativ gleichbleibenden Genpool gefischt haben, scheint sich das Zwillings-Gen mehr und mehr unter der Bevölkerung ausgebreitet zu haben. Aber auch diese These bleibt einen wissenschaftlichen Nachweis schuldig.

Heute stellen Zwillingsgeburten in Nigeria nicht nur einen Segen dar, sondern sollen der Familie, die sie bekommt auch Glück und Wohlstand bringen. Die Kinder seien ein gutes Omen und würden von allen liebevoll aufgezogen werden, sagt der Dorfvorsitzende Akinyemi. Wo Zwillinge in vorkolonialen Zeit als Unheilbringer gesehen wurden und angeblich ein Indiz waren, dass die Mutter mit zwei Männern geschlafen habe, gelten sie mittlerweile als ein Geschenk Gottes.

Außerdem sagen die Yoruba ihren Zwillingspaaren eine sehr starke geistige Verbindung nach. Ihrem Glauben zu Folge besitzen Zwillinge nur eine Seele, die sie sich ihr Leben lang teilen. Stirbt ein Zwilling vor dem anderen, so wird dem Zwilling, der noch lebt, eine Holzfigur als Ersatz zur Seite gegeben. Sie soll den toten Zwilling repräsentieren und bildet den Ort, in dem die Seele des verstorbenen Geschwisterteils weiterleben kann. Die Figur weicht der Familie ein Leben lang nicht von der Seite und wird sogar in den Alltag integriert.

Für die Yoruba und die meisten Westnigerianer sind Zwillinge also nicht unbedingt eine Besonderheit. Leben, Bedeutung und Beziehung der Zwillinge untereinander dagegen Bestandteil von vielen rätselhaften Geschichten und Erzählungen.