“Die Jugend von der Straße holen”, das ist häufig das Motto, wenn es darum geht, der jüngeren Generation – vor allem in von Kriminaltät betroffen Städten – eine Perspektive zu schenken. Dass aber auch die Straße eine Perspektive sein kann, das zeigen seit einigen Jahren ein paar entschlossene BMX-Fahrer aus Nigeria. Red Bull hat sie mit einer Kamera begleitet: Eine Reportage über Gummireifen, die eine Stadt bewegen.

Der Staub wirbelt hoch, wenn Matthew und seine Freunde die ungepflasterten Straßen von Lagos (Nigeria) entlang rasen. Hier und da halten sie an, um an einem geeigneten Hindernis oder Obstacle – wie es in der Szene heißt – einen Trick auszuprobieren. Die Reifen ihrer Bikes quietschen wenn sie über die verschiedenen Oberflächen sliden. Sie lachen, feuern sich gegenseitig an, fallen auf den harten Boden und stehen immer wieder auf. Sie haben Spaß und das kann jeder sehen. Denn egal wo die Gruppe unterwegs ist, schnell versammelt sich um sie herum eine Menge von Schaulustigen. Ihre Blicke: eine Mischung aus Begeisterung und auch etwas Skepsis. Schließlich fahren die Jungs Fahrräder, die für ihre Körpergröße irgendwie zu klein scheinen. Dass die Fahrräder eigentlich gar keine Fahrräder im herkömmlichen Sinn sind, sondern sogenannte BMX-Bikes, ist den wenigsten Einwohnern der Millionen-Stadt Nigerias jedoch ein Begriff.

Ich wusste nicht was man damit macht“, erzählt auch Matthew über den Kauf seines ersten BMX-Bikes. Eine Straßenhändlerin, deren hauptsächlicher Verdienst aus Kleidung und Spielzeug bestand, hatte ihm das Bike mit der kuriosen Aufschrift BMX verkauft. Mit den drei Buchstaben konnte der eigentliche Auto-Mechatroniker damals noch wenig anfangen: “Ich wollte wissen, was es bedeutet, also gab ich den Begriff auf Google ein“, berichtet er heute mit einem Grinsen im Gesicht, “Als wir sahen, was man mit den BMX-Bikes alles machen kann, waren wir so fasziniert. Und so fing auch irgendwie alles an.

Mittlerweile nennt sich Matthew (gebürtig Matthew Temitope) Starboy BMX und zählt als die Keimzelle der BMX-Bewegung, die sich seit einigen Jahren in Lagos ausbreitet. Obwohl die meisten Straßen nicht gepflastert sind – von Skateparks ganz zu schweigen -, ist die Crew aus mittlerweile über 30 leidenschaftlichen Bikern fast jeden Tag zusammen unterwegs.

Ihr Motto: “We own the streets” (“Uns gehört die Straße”). So macht Matthew klar: “Alle Tricks, die wir gelernt haben, haben wir auf der Straße gelernt. Und ich meine die echte Straße. […] Wir haben unseren eigenen Style entwickelt.”

Matthew und seine Crew sind stolz auf ihr Land und auch auf ihre Stadt, aber genauso gut wissen sie, welche Gefahren in den Ecken von Lagos lauern können. Wie perspektivlose Jugendliche anfangen, sich in der Kriminalität zu verlieren.

Ohne BMX wären wir hier draußen und würden wahrscheinlich irgendeinen Mist machen“, sagt er ernst, “aber mit dem BMX haben wir eine Möglichkeit unsere Gefühle rauszulassen.” Fahren, das tägliche Üben und die Erfolge, wenn sie einen Trick stehen, zeigen den Jugendlichen, dass es sich lohnt motiviert zu bleiben. “BMX hat mir Engagement beigebracht“, erzählt KKMoney, der eigentlich Ibrahim heißt und als Lehrer arbeitet, “BMX zeigt dir, dass du es schaffen kannst.

Auch für SKing war klar, hätte er nicht mit dem BMX-Fahren angefangen, hätte die Zukunft schlecht für ihn enden können. Mit den täglichen Treffen und dem Zusammenhalt in der Gruppe hat er heute etwas, auf das er sich freut und dass ihn begeistert.

Von dem Moment an, als ich zum ersten Mal auf dem BMX stand, hab ich all das negative Zeug hinter mir gelassen“, sagt er, während er sein Bike durch die engen Gassen von Makoko, seinem Heimatdorf nicht weit von Lagos, schiebt.

Auch wenn es “nur” eine Art Fahrrad ist, scheint das BMX in Nigeria eine Menge in Bewegung versetzt zu haben. Es ließ eine Szene entstehen, die nicht nur sportlich beeindruckt, sondern auch menschlich zusammenbringt und allen – nicht nur den Fahrern – Freude bereitet. So beschreibt der Fotograf Tyrone Bradley, der die nigerianische BMX-Crew über längere Zeit begleiten durfte: “BMX bedeutet ihnen das Leben und das zeigen sie auch. Zudem hat das BMX Jungs aus den härtesten Slums und aus der oberen Mittelschicht zusammengebracht“.

Der Auftrag der “Lagos BMX Crew” – wie sie sich auf Instagram nennen – war von Anfang an klar: BMX in Nigeria verbreiten. Mit ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft haben sie aber definitiv mehr erreicht, als lediglich einen Sport in ihrem Heimatland zu etablieren. Sie haben die Straße zu einer positiven Perspektive gemacht!